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Männer, Frauen,
Menschen
Mutige Vorkämpferinnen: Bei uns wird gestritten um
Frauenquote oder Herdprämie, vor nicht einmal 100
Jahren ging es noch um so elementare Dinge wie
Wahlrecht und Geschäftsfähigkeit.
Männer, Frauen,
Menschen
Mutige Vorkämpferinnen: Bei uns wird gestritten um
Frauenquote oder Herdprämie, vor nicht einmal 100
Jahren ging es noch um so elementare Dinge wie
Wahlrecht und Geschäftsfähigkeit.

Kolumne

lernen von den Menschen

Sind Mädchen und Frauen, die Yoga üben, emanzipiert und mutig genug, um sich gegen
die offen frauenfeindlichen Aktionen und Äußerungen von ultrakonservativen Politpredigern
und Populisten zu wehren? Hoffentlich, denn eine starke gesellschaftliche Stellung
von Frauen und die bisher erreichte Gleichberechtigung müssen aktiv verteidigt werden.

Von Michi Kern

Der überwiegende Teil der heute aktiven Yogis sind
Frauen und Mädchen. Es wäre interessant zu erfahren,
ob Frauen durch ihre Yogapraxis auch freier, selbstbestimmter
und stärker werden. Führt Yoga gar zu echter
Gleichberechtigung? Mancher Yogaeffekt ist nicht so
einfach zu messen – man stellt vielleicht erst nach Jahren
fest, dass sich die Einstellung zu bestimmten Dingen
grundlegend gewandelt oder dass sich die eigene Art
zu leben verändert hat. Beim Thema Gleichstellung von
Mann und Frau hat man den Eindruck, dass es in der
Yogawelt in die richtige Richtung geht: Steinzeitforderungen
nach Vollzeit-Müttern und Heimchen am Herd haben
bei uns keinen Platz. Die Verklemmtheit, Biederkeit und
Bigotterie, die sich in so manchen aktuellen politischen
und religiösen Forderungen zeigt, kommt im Yoga nicht

verwirft jegliche Art von Gewalt und will den Ausgleich
von Interessen unter allen Menschen (und anderen Lebewesen).
Trotz der hartnäckigen Ignoranz diverser
Männercliquen (Brahmanen, Sadhus, Priester) ist es
logisch, dieses ethische Programm auch auf das Verhältnis
zwischen den Geschlechtern und auf die gesellschaftlichen
Rechte von Mann und Frau anzuwenden. Historisch
gesehen hat hier sicher auch der Westen den Osten
inspiriert und nicht nur umgekehrt. Allgemeiner gesagt
sind Pluralismus und Vielstimmigkeit ein gutes Heilmittel
für alle möglichen Kopfkrankheiten, auch für ideologische
Sackgassen im Yoga. Aber letztendlich müssen wir
(Männer und Frauen) uns in vielen Bereichen gegen eine
Struktur wehren, in der wichtige Entscheidungen und
Machtbefugnisse bei der immer gleichen Gruppe liegen

04// 2016

(mehr) vor. Selbst das esoterische Weiblichkeits-Müt-– nämlich bei der kleinen Gruppe alter, weißer Männer.

terlichkeits-Fruchtbarkeitsgerede ist auf dem Rückzug.
Weibliche Unterwürfigkeit und/oder Unterordnung sind
im modernen westlichen Yoga nicht vorgesehen – was
nicht auschließt, dass im persönlichen Umgang oder im
Lehrer-Schüler-Verhältnis einiges schiefgehen kann. Und
tatsächlich haben es die Frauen in den Ursprungsländern
des Yoga wie Indien oder Nepal bis heute nicht leicht,
und auch der Yogaweg selbst musste nach Jahrhunderten
(wenn nicht Jahrtausenden) Männerdominanz erst
mühsam und gegen viele Widerstände für Frauen und
von Frauen geöffnet werden.

Wer jetzt nicht gleich umgekehrt dem Amazonen-
Quatsch einiger weniger amerikanischer Yogalehrerinnen
folgt, müsste eigentlich zu einem ganz brauchbaren
Frauenbild oder Selbstverständnis finden. Die großen
weiblichen Leitfiguren im Yoga bestechen jedenfalls
durch Stärke, Integrität und eine ebenso starke wie unabhängige
Stellung in der Gesellschaft: Elisabeth Haich,
Silvia Hellman, Indra Devi, Angela Farmer, Vanda Scaravelli,
Anna Trökes, Ursula Lyon, Sharon Gannon … *

Yoga hat das emanzipatorische Potenzial und die aufklärerische
Kraft, Frauen und Männer von tradierten
Geschlechterrollen, Diskriminierung und natürlich von
Gewalt gegen Frauen, Chauvinismus und Sexismus zu
befreien. Deutlich wird dieses Programm schon in den
Yamas und Niyamas des Yogasutra: Diese Grundethik

„Alt, weiß, männlich“ ist fast schon gleichzusetzen mit
Desastern aller Art, mit Kriegen, Krisen, Stillstand oder
Rückschritt – Reformen, Revolutionen, neue Ideen und
Denkrichtungen müssen vor allem gegen diese Art von
Establishment durchgesetzt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Lektüre der englischen
Essayistin Laurie Penny ein wohltuender Schock. Ihr Angriff
auf die Männerkulturen und die Konfrontation mit
unserer offenbar unendlichen Geduld, Feigheit, Bequemlichkeit,
was tradierte Verhaltensmuster und die Diskriminierung
von Frauen betrifft, ist sehr heilsam. Ihr schon
fast yogisches Credo lautet: „Die wichtigsten politischen
Schlachten der Menschheitsgeschichte wurden auf dem
Gebiet der Phantasie geschlagen.“ Da können wir Yogis
mitmachen. Und dazu hat auch ein Mann etwas Positives
beigetragen. Der Historiker Peter Steinbach formuliert
die Grundlagen eines zukünftigen Zusammenlebens in
Kurzform: „Tolerant, unaufgeregt, freiheitlich, pluralistisch
und auch friedlich sollte es zugehen.“ //

MICHI KERN lebt und unterrichtet als Jivamukti Yogaaktivist
in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse
Clubs und Restaurants und studiert Philosophie.

* Viele der hier genannten Frauen haben wir in der Reihe „Yoga-Pionierinnen“
in den vergangenen sieben Heften vorgestellt.
yoga journal

Fotos: Us Library oF congress